Titelbild Selam Berlin

»Selam Berlin« Yadé Kara

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Lesedauer: 2 Minuten

Taschenbuch, Diogenes Verlag, 384 Seiten
01. Oktober 2004, 12 Euro
ISBN 978-3-257-23391-9

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# Das Zitat

»Redford schwärmte von Istanbul, obwohl er noch nie da war. Onkel Breschnew und Baba erzählten von einem Istanbul, das es so nicht mehr gab. Ediz fand Boston toll, das er nicht kannte. Ich begann zu verstehen, dass man sich etwas vormacht. Immer da, wo man nicht war, war es am schönsten. Alle lebten von Illusionen und brannten sich diese ins Herz ein.«

# Der Inhalt

Zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung lebt der in Berlin geborene Türke Hasan Kazan, er erlebt das vertraute bunte Bunt von Westberlin und das überraschend graue Grau von Ostberlin. Hasan ist neunzehn, hat in Istanbul an einer deutschen Schule das Abitur gemacht und reist direkt nach dem Mauerfall nach Berlin zu seinem Vater, der dort ein Reisebüro mit guten – auch ziemlich privaten – Kontakten nach Ost-Berlin besitzt.

Hasan weiß noch nicht, was er im Leben machen möchte, also lässt er sich treiben, wohnt bei Freunden, nimmt mal diesen und mal jenen Job an, verliebt sich relativ aussichtslos und landet schließlich zufällig beim Film, wo ihm sein Halbbruder Adem begegnet.

Parallel zur politischen Wende erfährt die Familie Kazan ihre persönliche Wende, denn Adem ist aus eben jenen privaten Kontakten nach Ost-Berlin entstanden. Das war bis zum Mauerfall auch kein Problem, denn Geliebte und Sohn waren ja eingesperrt. Nun wird der Betrug offenbar, die Familie zerbricht.

# Die Form

Der Roman spielt zwischen dem 9. November 1989 – dem Tag des Mauerfalls –und dem 3. Oktober 1990 – dem Tag der Wiedervereinigung. Es handelt sich um eine linear erzählte Geschichte, nach meinem Dafürhalten eher ein Drehbuch als ein Roman.

Die Sprache ist so gewählt, dass sie die Schnelligkeit und Begeisterung dieser Zeit in dieser Stadt gut mitnimmt und schön verbildlicht. Das wilde Erzähltempo, auch verstärkt durch kurze Dialoge, passt sehr gut in diese euphorische Zeit.

Hasan erzählt als Ich-Erzähler die neue Berliner Welt und nimmt uns mit – mitten hinein in seine persönlichen Turbulenzen und die Turbulenzen des ausgehenden Jahrzehnts.

# Mein Fazit

Ich muss zugeben, dass ich trotz der spannenden Zeit, in der der Roman spielt, streckenweise genervt von den durchaus vorhandenen Längen war. Aber dennoch möchte ich diesen Roman – eingeschränkt – empfehlen. Vor allem jenen, die sie miterlebt haben, und jenen, die wissen wollen, wie diese Zeit so war. Ich war 19, als die Mauer fiel und kann mich noch ganz genau an die unglaublichen und ungläubigen Momente dieser Zeit erinnern. Gänsehautzeit.

Wie sich die vielen zwischen Kreuzberg und Istanbul zerrissenen türkischen Berliner in dieser Zeit fühlten, konnte ich als »Biodeutsche« und leider nur einsprachig Aufgewachsene natürlich nicht wissen.

»Selam Berlin« ist ein bisschen »Berlin Alexanderplatz« und ein bisschen »Herr Lehmann«. Es könnte aber sehr gut sein, dass weder Döblin noch Regener mit diesem Vergleich einverstanden wären. Ich habe diesen Roman schon viele Wochen hier gelesen liegen und konnte mich nicht recht zur Besprechung aufraffen.

Vielleicht liegt mein mulmiges Gefühl an der gehetzten Sprachlichkeit, die mich dazu zwang, ebenso angepasst schnell durch dieses Buch zu hetzen. So blieben weder Zeit noch Muße, mit dem Roman warm zu werden.

Lesenswert? Irgendwie ja, aber irgendwie auch nicht. In diesem Fall kann ich mich tatsächlich nicht festlegen. 2004 wurde der Roman mit dem Deutschen Bücherpreis ausgezeichnet. Seit 2010/2011 ist »Selam Berlin« in Niedersachsen an den Gesamtschulen Pflichtlektüre der zehnten Klassen. Warum auch nicht.

Claudia Stieglmayr

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