Beitragsbild für die Rezension zu »Nach Mattias« von Peter Zantingh

»Nach Mattias« Peter Zantingh

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Lesedauer: 3 Minuten

Hardcover Leinen, Diogenes Verlag, 240 Seiten
26. Februar 2020, 22 Euro
ISBN 978-3-257-07129-0

Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers

»Nach Mattias« von Peter Zantingh wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zu Rezensionszwecken kostenlos zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst. Dieser Text enthält Werbung in Form eines Affiliate-Links zu Amazon.

# Das Zitat

»Mattias. An jenem Abend, als Mattias. Dem Abend, auf den man sich jetzt beziehen kann, indem man einfach nur das Datum nennt, denn dann weiß jeder, wovon man spricht. Oder den Namen des Ortes. Anderthalb Wochen nach dem Feathers. (…) Anderthalb Wochen nach Mattias.«

# Der Inhalt

Mattias ist tot. Wer war er, was war er, wie war er? Diese Frage beantwortet der Roman, indem die einzelnen Hinterbliebenen sich jeweils in ihren Kapiteln an ihn erinnern.

Jede einzelne dieser Personen hat eine eigene Geschichte mit Mattias, einen eigenen Blick auf ihn.
Da ist seine Freundin und Lebensgefährtin Amber, die Mattias’ Tod schier zerreißt, die am Ende aber einen eigenen Weg durch die Trauer hindurch findet.
Sein durch einen Afghanistan-Einsatz traumatisierter Kumpel Quentin versucht, seinen Kummer laufend zu heilen. Der blinde Chris, der mit Quentin läuft und Mattias gar nicht persönlich kennt.
Seine Mutter, sein Vater und die Großeltern. Ein fußballbegeisterter Onlinefreund. Der Vermieter des Strandhauses, der sich wundert, dass die Gäste nicht kommen. Und schließlich ist da noch die Mutter von Noah, die Mattias auch kannte und dessen Mutter gegenüber nicht ausspricht, was sie weiß.

# Die Form

Als er in einem Flugzeug saß, fragte sich Autor Peter Zantingh plötzlich, so erzählt er in einem Interview, was wohl wäre, wenn dieses Flugzeug abstürzte. Was wäre mit den Menschen, die er hinterließe? Was mit Terminen, die er nicht wahrnehmen könnte? So entstand die Idee zu diesem Roman – und nicht, wie man zunächst nach der Lektüre annimmt, aufgrund eines Terroranschlags im Pariser Club Bataclan im Jahr 2015.

In neun Kapiteln kommen Mattias’ Hinterbliebene separat zu Wort. Amber, die Lebensgefährtin, erhält zwei eigene Abschnitte, den ersten und den letzten, der sie in die Lage versetzt, eine eigene, befreiende Trauer zu entwickeln. Sechs der Kapitel sind in der Ich-Form, drei in der dritten Person erzählt. Der Grund für diesen Stilgriff erschließt sich mir allerdings nicht.

»Nach Mattias« ist fabelhaft übersetzt, es liest sich, als wäre es in der Originalsprache verfasst. Das mag natürlich auch ein wenig daran liegen, dass das Deutsche und das Niederländische eine ähnliche Sprachmelodie und gemeinsame Wurzeln haben.

Auch in diesem Roman, dem Trend der Zeit entsprechend, tritt die Sprache hinter dem Inhalt zurück und lässt den Leser/ die Leserin quasi ruckelfrei durch das Buch hindurchgleiten.

In einem Interview mit dem Diogenes-Verlag sagte Peter Zantingh: »Sehr oft besteht mein Schreiben darin, Wörter zu streichen, die nicht zwingend nötig sind, um mit wenigen Worten möglichst effektiv zu sein.« Das ist ihm ausgezeichnet gelungen.

# Mein Fazit

Schon vor dem Aufschlagen der ersten Seite ist klar, dass es den Titelgeber nicht mehr gibt. »Nach Mattias« aber geht das Leben weiter. Das findet man immer wieder erstaunlich, wenn man einen geliebten Menschen gehen lassen musste. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, das empfindet man in solchen Momenten als bizarr.

»Nach Mattias« ist ein aufwühlender Roman. Während des Lesens hatte ich die gesamte Zeit über einen Kloß im Hals und hätte auch durchgehend weinen können, so anrührend und intensiv beschreibt Peter Zantingh die Verschiedenartigkeit von Trauer und Erinnern. Und manch einer trauert mit, von dem man es gar nicht weiß.

Jeder Hinterbliebene hat seine eigene Geschichte mit Mattias, jeder kannte andere Facetten von ihm. In diesem Roman vereinen sich die unterschiedlichen persönlichen Erlebnisse mit Mattias – wie bei einem Gemälde des Pointilissmus’ – zu einem Gesamtbild: Geht man ganz nah heran, sieht man nur verinselte Erlebnispunkte, die untereinander nur manchmal eine Verbindung haben; geht man weiter weg, so entsteht das strahlend sympathische Gesamtbild eines tollen, positiven mutigen und spontanen Menschen.

»Nach Mattias« ist ein großartiger, ein äußerst bewegender Roman. Ein Roman über Trauer, über Hoffnung und die Schönheit des Lebens. Auf jeden Fall absolut perfekt geeignet, um an einem regnerischen Abend in einem Rutsch verschlungen zu werden. Totale Leseempfehlung.

Claudia Stieglmayr

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