Beitragsbild für die Rezension zu »Leinsee« von Anne Reinecke

»Leinsee« Anne Reinecke

Sending
User Review
0 (0 votes)
Lesedauer: 3 Minuten

Hardcover, Leinen, Diogenes Verlag, 368 Seiten
01. März 2018, 24 Euro
ISBN 978-3-257-07014-9

Der Roman »Leinsee« von Anne Reinecke wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zu Rezensionszwecken kostenlos zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst.

# Das Zitat

»›Ich bin acht‹, sagte Tanja wieder. Und als die Mutter nicht antwortete: ›Aber ich habe einen kleinen Bruder, der ist fünf. Und Eltern habe ich, natürlich.‹ – ›Natürlich‹, sagte Ada, ›jeder hat schließlich Eltern.‹ Sie lachte. Und Tanja, die Harzmasse und das Atelier lachten mit, dass es Karl in den Ohren rauschte.«

# Der Inhalt

Karl Stiegenhauer hat eine furchtbar lieblose Kindheit zwischen seinen einander abgöttisch liebenden Eltern gehabt. Die weltweit gefeierten Bildhauer August und Ada, am selben Tag geboren, sind einander genug. Sie kleben zusammen wie Leim und Papier. Das Paar hat zwar die Idee gehabt, seine Liebe mit einem Kind zu krönen, aber als Karl dann da ist, stört er die Kunst.

Für Karl ist in ihrem Leben weder Platz noch Liebe übrig. So verbringt er seine Jugend im goldenen Elite-Internat-Käfig. Er darf nicht einmal seinen Namen behalten und lebt viele Jahre lang inkognito als Karl Sund. Erwachsen und in Berlin wohnhaft, hat Karl mittlerweile selbst künstlerischen Erfolg.

Sieben Jahre lang hat der inzwischen 30-jährige Karl keinen Kontakt zu seinen Eltern gehabt. Nun informiert man ihn darüber, dass seine Mutter mit einem Tumor im Kopf im Krankenhaus liegt und sein Vater den seinen in vorauseilendem Kummer durch eine Schlinge gesteckt und sich erhängt hat.

Karl reist an den Ort, an dem er die ersten zehn Jahre seines Lebens verbracht hat. Der Vater ist tot, die Mutter hat wider Erwarten die Hirn-OP überlebt. Nun erinnert sie sich leider nicht an Karl, sondern erkennt in ihm nur ihren geliebten August. Karl erhält hier die bizarre Chance, die Liebe der Mutter doch noch zu bekommen. Danach hat er sich als Kind stets so sehr gesehnt.

Und noch eine andere, eine sehr große Liebe bekommt Karl in Leinsee geschenkt. Die achtjährige Tanja schleicht sich lausbübisch zunächst in seinen Garten, dann auf seinen Kirschbaum und schließlich in sein Herz. Über die Jahre hinweg schenken sie sich gegenseitig Aufmerksamkeit und kleine Zeichen. Die beiden verbindet ein schmetterlingszartes Band, welches bis zum offenen Schluss des Romans nicht reißen wird.

# Die Form

Der Roman beginnt im Frühsommer oder Spätfrühling mit Karls Reise nach Leinsee, dem Ort, an dem er die ersten zehn Jahre seines Lebens verbracht hat. Die Zeit vom Beginn des Romans bis zum Schluss umfasst insgesamt etwas mehr als ein Jahrzehnt. Dennoch wird Karls gesamtes Leben beschrieben, was in nebensätzlichen Rückblicken geschieht. Das ist Anne Reinecke formal ausgezeichnet gelungen. Insgesamt lässt sich »Leinsee« sehr gut und federleicht lesen.

Den Kapiteln hat Anne Reinecke originelle Farbnamen gegeben, die den jeweiligen Inhalt synesthetisch beschreiben. Überhaupt bringt die Autorin sprachlich sanft Saiten im Leser/ in der Leserin zum Klingen, die mal amüsierte, oft melancholische und ebenso tieftraurige Schwingungen erzeugen.

Auch erfindet die Autorin geistreiche Wortschöpfungen und Sprachwendungen wie: »freundlich fiepsender Puls« oder: »Im Spiegel fischte er nach seinen Augen.« Mal trottet Karl »mit hängenden Eingeweiden ins Bootshaus zurück«, dann wieder hat er sich »durch das Familienessen gebissen«. An solchen sprachlichen Leckerbissen erkennt man Anne Reineckes Liebe zur Muttersprache.

Dem Zeitraum vom Tag der ersten Begegnung zwischen Karl und Tanja im Frühsommer und der für lange Zeit letzten kurz vor den Sommerferien räumt Anne Reinecke fast die Hälfte des Romans an Raum ein. Aber auch während der folgenden sechs Jahre, in denen Karl Tanja nicht begegnet, ist das Mädchen doch allgegenwärtig, diesen Faden verliert die Autorin niemals.

# Mein Fazit

»Leinsee« ist die berührendste Liebesgeschichte, die ich bislang gelesen habe. Ein Fazit daraus: Man muss die großen Lieben loslassen und ihnen Raum geben, damit sie zurückkehren können.

Und man muss eine tiefe Herzensbildung und ein herausragendes Sprachgefühl besitzen, um so einen fabelhaften Roman, eine so schmetterlingszarte Liebesgeschichte wie »Leinsee« schreiben zu können.

In Ermangelung der Worte, diesen wunderschönen Roman zu beschreiben, möchte ich hier Franz Dinda vom Klappentext des Romans zitieren. Dinda hat das Hörbuch zu »Leinsee« eingelesen und schreibt: »Würde ich behaupten, dieses Buch sei eine Liebeserklärung an das Schreiben oder eine zutiefst ergreifende Geschichte, die mir seit der Lektüre etwas bedeutet, dann wäre dies schlicht und ergreifend: maßlos untertrieben.«

So ist es. Bravo!

Claudia Stieglmayr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.