»Der Anfang einer Zukunft« Kenneth Bonert

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Lesedauer: 3 Minuten

Hardcover, Leinen, Diogenes Verlag, 656 Seiten
25. September 2019, 26 Euro
ISBN 978-3-257-07056-9

Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer

Der Roman »Der Anfang einer Zukunft« von Kenneth Bonert wurde mir freundlicherweise vom Diogenes-Verlag zu Rezensionszwecken kostenlos zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wird mein Urteil dadurch in keiner Weise beeinflusst.

# Das Zitat

»Die Augen in seinem totenkopfähnlichen Schädel glitzern, als wäre er komplett durchgeknallt. Und es dämmert mir, dass es nie aufhört, dass jede Tat zu einer anderen führt, wie eine Reihe fallender Dominosteine.«

# Der Inhalt

Martin Helger, 17-jähriger Sohn jüdischer Einwanderer aus Litauen, lebt zur Zeit der Apartheid in den 1980er-Jahren mit seiner Familie in Johannesburg. Er besucht eine jüdische Oberschule und lebt in seiner Schwarz-weiß-Welt, in der er zwar die richtige Hautfarbe, aber nicht den richtigen Glauben hat. Vater Isaac betreibt einen Schrotthandel und hat es zu beträchtlichem Wohlstand, aber nicht gleichermaßen zu Anerkennung in der Gesellschaft gebracht. Das Haus, in dem die Familie lebt, liegt in einem guten Viertel und ist durch zwei – mit scharfen Spitzen bewehrte – Stahltore geschützt.

Es ist Annie Goldberg, eine Schönheit mit olivfarbener Haut, die Martin für die tatsächlichen Zustände im Land die Augen öffnet. Annie ist eine New Yorker Studentin und zieht vorübergehend bei den Helgers ein. Sie unterrichtet an einer Grundschule in einer Township und nimmt ihn eines Tages dorthin mit: im Kofferraum versteckt, denn die Grenzen dorthin werden kontrolliert. Über diesen Teil der Wirklichkeit berichten die südafrikanischen Medien nichts, auch Nelson Mandela und der ANC werden weitestgehend totgeschwiegen. Martin ist überrascht und fassungslos.

Die unfassbaren hygienischen Zustände in der Township, Leid, Elend, willkürliche und erniedrigende Gewalt der Polizei hinterlassen einen tiefen Eindruck bei Martin. Ihm gefällt keine der beiden Seiten der Südfafrika-Medaille zu 100 Prozent. Aber weil er in Annie verliebt ist, entscheidet er sich für die der Widerstandskämpfer des ANC. Er hilft Annie dabei, filmische Bauanleitungen für Bomben zu erstellen, die sie unter Lebensgefahr landesweit verteilt.

Wenig später sind viele tot: Martins Eltern, Annie, sein Bruder Marcus gilt als vermisst. Die Schuld an dieser persönlichen Tragödie trägt ein Militärmann namens Oberholzer, der mit der Familie Helger noch aus Nazi-Zeiten eine Rechnung offen hat.

Als Martin wider besseres Wissen und gegen sein Gewissen beschließt, selbst eine Bombe zu zünden, um diesen bösen Menschen auszulöschen, eskaliert eine Privatfehde zwischen ihm und einem Schulkameraden…

Jetzt könnte der Roman enden, aber er tut es nicht. Sechs Jahre, neun Monate und drei Tage später erwacht Martin aus dem Koma, in das ihn der Mitschüler befördert hat – und erinnert sich an nichts. Die Welt hat sich inzwischen drastisch verändert, Nelson Mandela ist Präsident, die Apartheid ist abgeschafft. Der Kampf zwischen Martins Gut und Böse aber geht weiter, nimmt Fahrt auf, wird blutig und gipfelt in einer Explosion.

# Die Form

»Der Anfang einer Zukunft« ist in der 3. Person im Präsens verfasst. Das ermöglicht ein Miterleben während des Lesens, man wird vom Erzähltempo quasi mitgerissen. Stefanie Schäfer hat sehr gute Übersetzungsarbeit geleistet, denn sogar die deutsche Sprachmelodie ist so lebendig, dass man beim Lesen der Dialoge fast das Gefühl hat, direkt daneben zu stehen.

Ohne erbost mit dem Zeigefinger zu wedeln, schafft Bonert es, in inneren und äußeren Dialogen Martins die ewige Rolle der Juden als zwischen den Fronten stehende Universal-Schuldige zu beschreiben. Aber er zeigt auch eindringlich, dass ein Schwarz-Weiß-Denken eben nicht zum Ziel führt. Nichts ist nur gut oder nur böse.

»Der Anfang einer Zukunft« ist im Grunde zweiteilig aufgebaut. Der Roman dürfte durchaus nach dem ersten Teil enden. Martins Leben bekommt durch den »nachkomatösen« zweiten Teil aber noch weitaus dramatischere persönliche Wendungen. Die Spannungskurve geht steil nach oben und bleibt dann dort bis zum Schluss.

# Mein Fazit

Während ich als damals 19-Jährige in Deutschland in der Euphorie der friedlichen Wiedervereinigung lebte, vollzog sich in Südafrika eine blutüberströmte Revolution. Tausende verloren ihr Leben im Kampf gegen die Ungleichbehandlung und Ausgrenzung schwarzer Südafrikaner. Nelson Mandela saß im Gefängnis als Nationalheld aller Verfechter der Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß.

Wir Lesenden erleben Gräueltaten auf beiden Seiten. Sehen durch Martins entsetzte Augen, wie Körperteile unschuldiger Kinder durch die Luft fliegen, wie Unschuldige sterben. Das kann zu nichts Gutem führen, und das tut es auch nicht, wie Martin nach sechs Jahren Koma mühsam feststellt. Gewalt erzeugt immer Gegengewalt. Und die Bösen vom Vorher sind – wie so oft – die Bösen im Hinterher. Es ist ein Lied mit neuem Titel, aber mit alten Noten.

In »Der Anfang einer Zukunft« werden Geschehnisse wirklichkeitsnah und mitreißend geschildert. Beobachtet aus den klugen Augen eines jungen Mannes. Der Autor, Kenneth Bonert, ist Zeitzeuge und hat selbst mittendrin gelebt, bis er mit 17 Jahren mit seinen Eltern nach Kanada emigrierte.

Absolute Leseempfehlung!

Claudia Stieglmayr

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