»Töte mich« Amélie Nothomb

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Lesedauer: 3 Minuten

Taschenbuch, Diogenes Verlag, 112 Seiten
28. August 2019, 10 Euro
ISBN 978-3-257-24454-0

aus dem Französischen von Brigitte Große

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# Das Zitat

»Mich macht schon die Vorstellung, dass mich endlich etwas trifft, glücklich. Wenn du wüsstest, wie schrecklich es ist, nie getroffen zu werden!«

# Der Inhalt

Sérieuse, die 17-jährige Tochter des belgischen Grafen Neville ist seit ihrem zwölften Lebensjahr depressiv. Was der Anlass zur Schwermütigkeit war, ahnt man, letztlich bleibt er aber im Dunkeln.

In der Hoffnung, doch etwas zu spüren, und wenn es nur Kälte sei, geht sie in einer Septembernacht in den Wald, wo sie von einer Wahrsagerin aufgelesen wird. Als der Vater Sérieuse am nächsten Tag dort abholt, weissagt ihm Madame Portenduère, dass während seines traditionellen Gartenfestes am 4. Oktober ein Gast durch seine Hand ermordet werden wird.

Die depressive Sérieuse nimmt diese Weissagung zum Anlass, ihren Vater darum zu bitten, sie während des Festes zu erschießen. Sie macht das auf eine argumentativ unschlagbar unfassbare Weise, dass er schließlich zustimmt. Drei schlimme Tage und Nächte später wird ihm klar, dass ja von einem Gast die Rede war, und Sérieuse ist schließlich seine Tochter und kein geladener Gast.

Erleichtert geht Neville die Vorbereitungen zum Fest an, das das letzte seiner Art sein wird, denn er muss sein Château du Pluvier verkaufen. Sérieuse wittert den Stimmungswandel ihres Vaters und dringt erneut in ihn. Widerstrebend willigt Neville erneut ein, sie zu erschießen. Und zwar in jedem Fall, selbst wenn sie ihre Meinung im letzten Moment ändern sollte. Das ist der unbedingte Wunsch seiner Tochter.

Tatsächlich kommt es zum Sinneswandel des Mädchens. Sérieuse wird durch die wunderbare Sopranistin endlich im Innersten berührt, sodass sie ihren Wunsch revidieren möchte. Das versetzt den Grafen in eine wahnsinnige Rage. Er ist fest entschlossen, das qualvolle Werk zu vollenden. Im allerletzten Moment entreißt ihm seine Tochter das Gewehr und wirft es ins Wasser.

Und was ist jetzt mit der Prophezeiung? Sie wird sich dennoch erfüllen. Und außerdem muss Neville sein geliebtes Schloss am Ende doch nicht verkaufen. Ein Happy End auf ganzer Linie.

# Die Form

Ein unfassbarer Spannungsbogen wird gezogen, der mit einem lauten Knall auf der letzten Seite zerplatzt.

Amélie Nothomb beherrscht die Kunst des Dialoge-Schreibens, was nicht sehr viele Autor*innen können. Dieser Roman lebt von inneren und äußeren Dialogen und ist so gestrickt, dass man über die gesamte Lesezeit hinweg das Gefühl hat, direkt im Geschehen zu stehen.

»Töte mich« ist klassisch in der dritten Person erzählt, die meiste Zeit über blickt der Leser (oder die Leserin) aus den Augen des Grafen auf die Handlung.

# Mein Fazit

Das ist ein Roman, der einen wahnsinnig macht. Und man muss ihn rasend schnell lesen, lesen, lesen! Buchstäblich bis zur letzten Seite verfolgt man, was man nicht glauben kann, was nicht sein darf, niemals. Ein Vater, der seine innig geliebte Tochter tötet? Undenkbar. Selbst wenn der Adel eine andere Einstellung zu seinen Kindern hat als der Rest der Bevölkerung.

Aber diese junge Sérieuse argumentiert so schlau und raffiniert, dass sie es zweimal schafft, ihren Vater von der Sinnhaftigkeit dieses Mordes zu überzeugen. Wirklich ernsthaft und nach Atem schnappend glauben kann der Lesende das nahende Ende erst, als die Wankelmütigkeit des Mädchens den Vater derart in Rage versetzt, dass er wütend und wild entschlossen ist, den Abzug zu ziehen.

Dass dem Albtraum durch Sérieuse selbst durch ein schlichtes Wegnehmen des Gewehrs ein Ende gesetzt wird, verblüfft schließlich enorm. Und was dann passiert, ist ein echter Kunstgriff, der in der Literatur Deus ex machina genannt wird. Auf diesen Roman bezogen, kann man schlicht sagen: dumm gelaufen. Und auch: Glück im Unglück.

Claudia Stieglmayr

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