Vom 90-Jährigen, der in mein Auto stieg und die Welt klein machte

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Lesedauer: 3 Minuten

Neulich kam ich gerade mit meinen Hunden aus dem Wald, da sah ich an der Bushaltestelle in unserer Straße einen älteren Herren stehen. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, aber ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass der Mann den Bus wohl verpasst haben musste. Hier fährt nur einmal in der Stunde einer. Na ja, geht mich ja auch nichts an.

Als ich mich näherte, entfernte sich der Mann ein paar Schritte von der Haltestelle, blieb dann wieder stehen, drehte sich unsicher zu uns um, ging wieder ein paar Schritte und blieb dann stehen.

Irgendetwas in seinem Verhalten fand ich anrührend, und es brachte mich dazu, ihn freundlich anzusprechen: »Der Bus wird wohl schon weg sein, der fährt hier immer um fünf vor.« – »Ach«, sagte der Herr, »ich war eigentlich rechtzeitig da, aber es ist kein Bus gekommen. Ich habe hier oft Pech.«

Da fiel mir ein, dass tatsächlich einmal am Vormittag und einmal am Nachmittag ein Bus ausfällt. Das sagte ich ihm auch. Da schmunzelte der alte Herr und sagte: »Das ist dann wohl immer dann gewesen, wenn ich hier meinen Freund im Altenheim besucht hatte.« Ich fragte ihn, wohin er denn wollte, und er antwortete, er müsste dann zum ZOB. Ich präzisierte: »Nein, ich meine, wo wohnen Sie denn?« Er lachte amüsiert und sagte: »In der Oberstadt

Ich weiß nicht, warum, aber in diesem Moment hatte ich das tiefe Bedürfnis, ihn nach Hause zu fahren. Dieser alte Mann war mir überaus sympathisch, vielleicht erinnerte er mich an meinen verstorbenen Vater, ich weiß es nicht. Ein warmes Gefühl im Bauch war das. Fast liebevoll.

Also sagte ich: »Darf ich Sie eben schnell nach Hause fahren?« Er winkte ab: »Das kann ich doch fast nicht annehmen, das ist ja nett.« Ich: »Das können Sie fast nicht ablehnen! Bis da vorn dürfen Sie noch überlegen, da wohne ich, und da steht mein Auto

Er druckste noch ein wenig herum, aber allein der Weg zum ZOB ist mehr als einen Kilometer lang, vielleicht brachte ihn diese Überlegung dazu, mein Angebot schließlich anzunehmen.
»Ich hole nur eben den Schlüssel, bringe die Hunde rein und sage meinen Kindern Bescheid.«

Im Auto setzten wir unsere Unterhaltung fort. Er erwähnte ganz uneitel, dass er schon neunzig Jahre alt wäre, was ich gar nicht glauben konnte, denn ich hatte ihn auf höchstens Ende siebzig geschätzt. Ich fragte ihn nach dem Namen des besuchten Freundes, und er nannte einen seltsamen Spitznamen und einen normalen Nachnamen. Köster*. »Ich kenne einen Köster mit ähnlich seltsamem Spitznamen. Der wurde Püschel genannt.« – »Das ist sein Bruder, der ist aber schon lange tot.« Das wusste ich, der hatte ja bei uns in der Straße gewohnt.

»Wohin genau müssen wir fahren?«, fragte ich. Er nannte einen Straßennamen. Ich murmelte: »Das kenne ich, da wohnten meine ersten Schwiegereltern.« – »Wer denn? – Ach, Habermehls? Die Mutter wohnte fast direkt neben uns.« Wie klein die Welt ist. »Und wie ist denn eigentlich Ihr Name?«, fragte ich den Herren mit den lachenden, vor Schalk blitzenden Augen. »Tigrens«, sagte er. Ich: »Ich kannte einen Michael Tigrens, der war mal ein Jahr in meiner Klasse. In der 7. war das, und ich war schrecklich verliebt in ihn.« – »Das ist mein Sohn.« Und die Enkelin von Herrn Tigrens ist in der Klasse meiner Tochter. Na klar.

Die Welt ist so klein, die Fahrt war so kurz. Aber mein Herz war ganz erfüllt von dieser netten Begegnung. So ist es, wenn man in einer Kleinstadt geboren, aufgewachsen und verwurzelt ist: Man trifft Menschen, die man nicht kennt, aber irgendwelche Schnittpunkte gibt es eben fast immer.

Claudia Sieglmayr

* alle Namen geändert

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