Jakob Arjouni »Hausaufgaben«

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Lesedauer: 3 Minuten

Taschenbuch, Diogenes Verlag, 192 Seiten
01. Dezember 2005, 11 Euro

ISBN 978-3-257-23504-3

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#Das Zitat

»›Du machst es dir einfach: da die Bösen, hier die Guten. Aber so funktioniert das nicht. Wenn wir wirklich was verstehen wollen, dann müssen wir versuchen, alle Seiten zu sehen.‹«

#Der Inhalt

Deutschlehrer Joachim Linde, Mitte vierzig, plant ein verlängertes Wochenende in der Mark Brandenburg, um auf Fontanes Spuren zu wandeln. Doch das Leben macht ihm einen Strich durch die Rechnung; statt ein paar beschauliche Tage zu verleben, bricht Lindes gesamtes bürgerliches Leben zusammen.

Zunächst wird er durch einen eskalierenden Schüler-Streit in seinem Abitur-Deutschkurs aus seiner selbstgerechten, pseudo-liberalen Bequemlichkeit gerissen, eine Schulkonferenz muss deshalb für den folgenden Montag anberaumt werden. Doch Linde will sich die kleine Reise nicht verderben lassen, welche er schon so oft verschoben hat. Mal war es, weil seine Frau Ingrid depressiv-aggressive Anfälle hatte, mal weil Sohn Pablo einen Posten bei Amnesty International bekam, mal weil Tochter Martina sich die Pulsadern aufschnitt. Nun aber ist die Gattin in der Nervenklinik, die Tochter im Ausland und Sohn Pablo schon 19, auf einer Amnesty International Demo und kommt prima allein klar.

Und dann klingelt es an der Tür. Ein junger Mann will Martinas Sachen abholen. Und begegnet dabei Pablo. Er hat ihm etwas über seine Schwester erzählt, das Pablo derart aufbringt, dass er seinen Vater in blindem Zorn zusammenschlägt, sich betrinkt, das väterliche Auto klaut und schließlich nach einem schweren Unfall im Koma liegt.

Am nächsten Tag ruft Direktor Bruns Linde an, um ihm mitzuteilen, dass seine Frau Ingrid an sehr viele Lehrer-Kollegen aus der Nervenklinik eine E-Mail geschickt hat, in der sie ihren Mann bezichtigt, ihre gemeinsame Tochter missbraucht zu haben.

So bearbeitet die Konferenz am Montag also zwei Skandale. Linde hält ein Plädoyer für sich und kann damit – fast – alle von seiner Unschuld überzeugen.

#Die Form

»Hausaufgaben« ist ein in der dritten Person erzählter Roman. Die Erzählzeit dauert vier Tage, während die erzählte Zeit im Grunde ein ganzes Leben von Lindes Jugend über sein Studium, Verliebtheit und Ehe bis zu den mittleren Jahren umfasst. Während die vier Tage voranschreiten, formen die gedanklichen Rückblicke so langsam das Bild von der Wirklichkeit und wie es dazu gekommen ist. Warum es dazu kam, wird nicht ganz deutlich. Sprachlich ist dieser Roman völlig unspektakulär, dadurch bekommt der Inhalt noch mehr Wucht.

#Mein Fazit

Noch nie, wirklich noch nie habe ich einen Roman gelesen, der auf so kurzer Strecke so große Fahrt aufnimmt. Arjouni drapiert die dunklen Abgründe menschlichen Seins kunstvoll zwischen die Zeilen. Ab und zu schlängeln sie sich an die Oberfläche, züngeln kurz mal ins Sichtfeld und verschwinden dann wieder wie ein Seeungeheuer in der Tiefe. Wie Spotlights werden Bilder im Leserkopf erzeugt: Huch, die blauen Flecken… Ach, die Ringelsocken doch dreimal getragen… Oh, der Sohn wird sich postkomatös an nichts erinnern können…

Im Leseverlauf wächst zunächst der Zweifel, dann der Ekel, und zum Schluss bleibt nackte Fassungslosigkeit.

Was geschehen ist, wird nicht beschrieben, die Informationen zu jenem verhängnisvollen Sommerurlaub, den die Familie in Frankreich verbracht hat, injiziert Arjouni Tröpfchen für Tröpfchen. Wie Farbkleckse, die ins Wasser fallen, breitet sich Zweifel im Leser aus und ergreift diffus von ihm Besitz. Hat er – oder hat er nicht? Das kann doch gar nicht sein, der Mann ist schließlich Lehrer. Aber die Ringelsocken, die blauen Flecken, der Suizidversuch, die mütterlichen Depressionen, der ausrastende Sohn…

Alle Familienmitglieder sind irgendwie krank oder seltsam oder beides, aber der wirklich wahre Kranke ist Lehrer Linde selbst. Er ist eben nicht der spießige Lehrer, der behütende Vater, der liebende Ehemann, aber er sieht sich so und strickt sich die Wahrheit zurecht, bis sie ihm passt wie ein übergroßer Norwegerpullover, unter dem sämtliche Problemzonen verschwinden. Linde verharrt fast trotzig in seiner Hybris: Was er macht, ist schön und gut. Fertig.

Nun sieht es so aus, als sei dieser Roman eine Gesellschaftskritik. Ist er auch. Er übt aber nicht nur Kritik an der Gesellschaft der Gegenwart, sondern zieht subtil seine Parallelen zur Nazizeit, die eingangs während einer Schulstunde Thema ist. Wer will, kann sehen, wer nicht will, der schließt die Augen und glaubt. Die Masse schweigt. Nur ein einziger Kollege fragt im Anschluss an Lindes Plädoyer für seine Unschuld tatsächlich nach und findet, nichts sei erklärt. All die anderen wollen sich gern Sand in die Augen streuen lassen. Ein Päderast im Kollegium – nein, hach, das ist ja auch undenkbar!

Nach dem offenen Ende sitzen Leser und Leserin fassungslos da, man ist versucht, weiterzublättern, ob nicht doch noch was kommt, an Text, an Erlösung. Nein, nicht immer siegt das Gute. Und nicht immer wird das Böse bestraft. Und nie sind hier die Bösen und da die Guten zweifelsfrei zu erkennen. Es ist so, wie es im Buche steht: »Wenn wir wirklich was verstehen wollen, dann müssen wir versuchen, alle Seiten zu sehen.«

In »Hausaufgaben« geht es um Heuchelei, Lebenslügen und Verdrehung der Tatsachen, um das Leben leichter zu ertragen.
Was für ein überwältigender Roman.

Claudia Stieglmayr / Elisabeth Hartmann

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