Marco Balzano »Das Leben wartet nicht«

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Lesedauer: 2 Minuten

Diogenes Verlag, Hardcover Leinen, 304 Seiten
22. Februar 2017, 22 Euro
ISBN 978-3-257-06983-9
Aus dem Italienischen von Maja Pflug

#Das Zitat

»Elisabetta wird mir meine Enkelin nicht von selber bringen, das weiß ich, aber ich habe kapiert, dass wir trotzdem, auch wenn wir die Messerklinge auf der Brust spüren, nicht aufhören dürfen zu hoffen, dass dieses verdammte Leben sich bessert und uns das Unheil, das wir angerichtet haben, verziehen wird.«

#Der Inhalt

Im Winter 1959 muss der neun Jahre alte Ninetto Giacalone, genannt Pelleossa – »Haut-und-Knochen«, das kleine sizilianische Dorf Cono verlassen. Wie so viele andere süditalienische Familien zu jener Zeit ist auch seine bitterarm. Die Eltern wollen, dass der Kleine im Mailand des Wirtschaftswunders eine Arbeit findet und sich selbst versorgt. Ninetto kommt in einem Hochhaus unter, das sie »Bienenstock« nennen. Hier ist es dreckig und so beengt, dass mehrere Menschen Kopf an Fuß im selben Bett schlafen müssen. Der Kleine Nino findet eine Arbeit als Wäscherei-Bote, die er so lange behält, bis er 15 Jahre alt ist. Nun darf er endlich in der großen Fabrik von Alfa Romeo arbeiten. Erst am Fließband, dann als Gabelstaplerfahrer – insgesamt 32 Jahre lang.

Mit 15 brennt er mit seiner Lebensliebe Maddalena Reggina durch, heiratet sie und bekommt mit ihr eine Tochter, Elisabetta. Nachdem er wegen einer Straftat zehn Jahre im Gefängnis verbüßt hat, kehrt er mit Ende fünfzig in ein Leben mit seiner Frau zurück. Hier findet er sich nur schwer zurecht und leidet darunter, dass seine Tochter ihn weder sehen will noch ihm seine Enkelin Lisa vorstellen möchte.

#Die Form

»Das Leben wartet nicht« ist ein novellenhaft konstruierter Roman, der sich inhaltlich vom Italien der Fünfzigerjahre bis ins Jetzt aufspannt. Tatsächlich wird er jedoch überwiegend rückblickend erzählt. Ninetto Giacalone berichtet als Ich-Erzähler der von seinem Leben, Denken und Fühlen. Sprachlich ist der Roman an die Schlichtheit von Ninettos Bildung angepasst. Durch diesen Stilgriff berührt er den Leser durch seine verbale Lebendigkeit emotional umso mehr.
Marco Balzano sagt dazu selbst: »Ich fand schließlich zu einem Ton, bei dem ich gebildete und ungebildete, komplexe und einfache, literarische und komische Register ziehen konnte.« Auf diese Weise komponiert Balzano mit leichter Hand eine mal laut-fröhliche und mal leise-melancholische Melodie des italienischen Lebens.

Der Autor lässt es sich schließlich nicht nehmen, mit ganz leicht erhobenem Zeigefinger darauf hinzuweisen, dass Geschichte sich wiederholt: Es hat immer schon Migration gegeben; wenngleich es aktuell nicht mehr die Süditaliener sind, die in den Großstadtghettos des Nordens unterkommen, sondern Menschen anderer Nationalitäten, die dort ihr Glück zu finden hoffen.

#Mein Fazit

Der Mailänder Marco Balzano lässt uns vier Fünftel des Romans im Unklaren darüber, was denn bloß Entsetzliches geschehen sein mag, dass dieser sympathische Ninetto zehn Jahre seines doch ohnehin harten Lebens im Gefängnis verbringen musste. Man macht sich beim Lesen diesen und jenen Gedanken und ist dann aber doch überrascht, bestürzt und fassungslos über das, was dereinst geschehen ist.
Ich habe diesen Roman wirklich sehr genossen, er liest sich leicht und lässt uns die Welt durch die Augen des jungen und des älteren Protagonisten sehen. Ich mochte den kleinen Ninetto und seine Tapferkeit, seinen Biss, im Leben voranzukommen und nie aufzugeben. Und ich empfinde Hochachtung vor dem alten Ninetto, der den Keim nie hat verdorren lassen, den sein Grundschullehrer in ihm gesät hat.

Claudia Stieglmayr

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