©Ylva Stieglmayr

Mama ist tot, und ich bin ihr böse.

Sending
User Review
3.5 (2 votes)
Ich freue mich, wenn Du diesen Beitrag teilst!
Lesedauer: 5 Minuten

von Claudia Stieglmayr

#Oma ist jetzt in einem langen Traum

Mama und Enkelin 2005 bei meiner Hochzeit mit MacGyver.

»Oma ist jetzt in einem langen Traum.« Das beschloss mein zehnjähriger Philosoph, als wir ihm mitteilten, dass seine Oma in der Nacht verstorben war. Das ist eine tröstliche Vorstellung, aber dennoch überwiegt die Wut in mir, weil ihr Tod absolut nicht nötig gewesen wäre. Noch nicht. Noch lange nicht! Sie war zwar 83 Jahre alt, hatte aber »bloß« kaputte Rückenwirbel. Noch ein Vierteljahr zuvor hatte ein Check-up ergeben, dass fast alle Blutwerte perfekt waren, nur die Nierenwerte nicht so ganz. Meine Mutter ist letztlich tatsächlich einfach nur an ihrem Trotz gestorben.

Ich bin wahnsinnig traurig, sehr böse und ein bisschen verzweifelt. »Wenn wir dir auch Ruhe gönnen, so ist doch voll Trauer unser Herz. Dich leiden zu sehen und nicht helfen zu können, das war unser größter Schmerz.« Das steht in der Traueranzeige und fasst exakt die letzten Wochen vor ihrem Tod zusammen. Sie wollte sich nicht helfen lassen, sie wollte keine Medikamente nehmen, sie wollte aber auch nicht sterben. Was sie wollte, war ein Wunder. Sie wollte, dass ihr Rücken ganz von allein nicht mehr schmerzte. Und so wartete sie ab. In ihrem Sessel im Wohnzimmer. Tag und Nacht. Aber es wurde nicht von allein besser, natürlich nicht.

#Warten auf ein Wunder

Während sie wochenlang wartete, vergaß sie immer mehr wichtige Dinge. Sie vergaß ihre Augentropfen, die sie vor Erblindung bewahren sollten. Sie vergaß, ihren Hund zu füttern. Und sie vergaß, ausreichend zu trinken.

Bis etwa drei Wochen vor ihrem Tod schaffte sie es noch, durch den Garten zu gehen, um abends mit uns gemeinsam zu essen. Zuerst ging sie noch allein hin und zurück. Dann begleitete ich sie nach dem Essen nach Hause, weil es dunkel war und sie schlecht sehen konnte. Zum Schluss holte ich sie ab und begleitete sie heim. Als ich sah, dass sie zu schwach war, brachte ich ihr schließlich das Essen, von dem sie immer weniger zu sich nahm.

#»Ich habe immer wenig getrunken.«

Niemand schaffte es, sie zum ausreichenden Trinken zu ermuntern. Nicht ich, nicht MacGyver, nicht ihre Enkel, nicht der vier Wochen vor ihrem Tod von mir für die Medikamentengabe engagierte Pflegedienst. »Ich habe immer wenig getrunken«, sagte sie dann oft trotzig.

Als die Schwestern vom Pflegedienst meine Mutter schließlich nach zwei Wochen dazu bewegen konnten, sich beim Unkleiden helfen zu lassen, wurde das Ausmaß der Katastrophe – der Zustand ihrer Haut – sichtbar: Meine Mutter war bereits so dehydriert, dass eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr durch Trinken nicht mehr möglich war.

Weil allen klar war, dass sie einen Rettungswagen wieder fortschicken würde, bat man mich also, meine Mutter davon zu überzeugen, dass ein Besuch der Notaufnahme sinnvoll und lebenswichtig wäre. Besucht haben wir am Ende tatsächlich das Krankenhaus, aber es blieb bei einer Stippvisite. Sie verweigerte hartnäckig die Behandlung und unterschrieb damit ihr Todesurteil.

Am Morgen darauf wollte ich mit ihr eine Patientenverfügung verfassen, doch auch das lehnte sie als unsinnig ab: »In zehn Tagen bin ich wieder fit.«

Von dem Tag an verschlechterte sich ihr Zustand zusehends, die Bewusstseinstrübung schritt fort, sie schlief immer mehr, sah nicht mehr fern, starrte nur so vor sich hin und wartete eigensinnig auf Besserung. Die Lieferung des ersehnten Pflegebettes nahm sie kaum wahr, darin gelegen hat sie schließlich nur wenige Stunden.

#»In zehn Tagen bin ich wieder fit!«

Nach zehn Tagen war sie natürlich nicht wieder fit, sondern wurde mit Verdacht auf Darmverschluss ins Krankenhaus eingeliefert. Dagegen konnte sie sich nicht mehr widersetzen, denn bei akuter Lebensgefahr zählt ein Nein nicht. »Nein« war tatsächlich ihr letztes Wort. Der Ileus-Verdacht bestätigte sich zwar nicht, aber der Zustand meiner Mutter war insgesamt katastrophal, die Prognose denkbar schlecht, die Nieren arbeiteten nicht mehr, multiples Organversagen drohte. Nun war meine Mutter letztendlich doch dort angekommen, wo sie keinesfalls sein wollte. Und in einem Zustand, den sie nicht haben wollte. Hilflos und fremden Menschen ausgeliefert.

Gemeinsam mit der diensthabenden Ärztin in der Notaufnahme unseres Krankenhauses musste ich nun mangels einer Patientenverfügung nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden, was zu tun und was zu lassen sei.

Das war grausam schwer für mich. Wenn das Innerste doch verzweifelt ruft: »Es ist meine Mama, helft ihr bitte, macht alles, was ihr könnt!«, dann muss dennoch bitteschön der Verstand siegen und nüchtern über Sinn und Unsinn von Behandlung entscheiden.

#Entscheiden über Leben und Tod, Sinn und Unsinn

Als mein zehnjähriger Sohn fragte, ob die Ärzte auch alles Menschenmögliche für Oma getan haben, habe ich ihm das schließlich so erklärt: »Nicht alles, was möglich ist, ist auch immer sinnvoll.«

Und so entschied ich dann schweren Herzens, dass meine 83 Jahre alte Mutter keine Intensivbetreuung bekommen sollte, im Zweifel keine Wiederbelebung, keine Dialyse und keine Ernährung über eine Magensonde. Aber natürlich alles gegen Schmerzen und Antibiose, falls nötig. Zugestimmt habe ich der Infusion der Kochsalzlösung und einer Bluttransfusion. Falls diese beiden Maßnahmen nicht ausreichen sollten, um die Nieren zum Weiterarbeiten zu bewegen, so würde ich meine Mutter gehen lassen, was dann zehn Tage nach ihrer Einlieferung in die Klinik auch geschah.

Es waren schlimme zehn Tage voller Zorn und Fassungslosigkeit, voller Kummer und Sorgen. Zehn Tage, in denen ich mitansehen musste, wie meine Mutter immer weiter fort ging, immer tiefer schlief, bis ihr Herz schließlich zu schlagen aufhörte. Zehn Tage, in denen ich immer wieder zweifelte, ob die Entscheidungen richtig waren, obwohl ich mich gut begleitet fühlte von Pflegedienst und Ärztinnen. Aber letztlich musste eben doch ich die Entscheidungen treffen und die Verantwortung dafür tragen.

#»Mensch, Mama!«

Verlobung 1956. 20 Jahre war meine Mama alt, mein Vater fast 24.

Ich werde immer mal wieder am Grab meiner Mutter stehen und leise mit ihr schimpfen, wie ich auch in ihren letzten Wochen und Tagen mit ihr geschimpft habe: »Wie kann man nur so stur sein? Mensch, Mama!«
Tröstlich ist für mich, dass meine Eltern nach 16 Jahren der Trennung nun wieder vereint sind. Seit der Schulzeit waren sie bis zum Tod meines Vaters 2003 ein Paar.

Trotz allem war Mamas Sterben im Grunde nur konsequent. Ihr Leben lang hat sie starrsinnig verneint, was nicht sein sollte. Noch am Tag, an dem mein Vater starb, verschloss sie die Augen vor dem Offensichtlichen. Auch dass ihr Hund todkrank sein sollte, wollte sie bis zum Schluss nicht wahrhaben. Aber dass dieser zwölf Jahre alte Hund mit einem Milztumor, der jederzeit platzen kann, meine Mutter überlebt, das hätte tatsächlich niemand für möglich gehalten.

#Patientenverfügung!

Im Grunde ist es eine riesengroße boshafte Gemeinheit, jemand anderen für und über sein Leben entscheiden zu lassen. Die Verantwortung nicht selbst tragen zu wollen. Natürlich ist eine Patientenverfügung kompliziert und bedarf im Laufe des Lebens auch immer wieder der Überarbeitung, der Anpassung an das Jetzt, an das aktuelle Lebensalter. Sind die Kinder noch klein, so möchte man selbstredend eine Reanimation, ist man hingegen über 80 Jahre alt und blickt auf ein reiches Leben zurück, womöglich nicht mehr.

Die Frage, warum alle eine Patientenverfügung für richtig halten, die meisten dennoch keine haben, werde ich demnächst in meinem Blog zu beantworten versuchen.

6 comments / Add your comment below

  1. Danke für diesen wunderbaren Text. Ich bin tief bewegt und voller Respekt für Deine Worte, sie wirken in mir sehr nach. Mein aufrichtiges Beileid.

    1. Vielen Dank, liebe Christine. Ich bin sehr gerührt von Deinen Worten. Sie geben mir Kraft und zeigen, dass es richtig war, so offen darüber zu schreiben. Liebe Grüße!

  2. Ach je, was für ein Schmerz aus deinen Worten spricht. Jedes meiner Worte wäre anmaßend und zuviel. Ich weiß nur, dass hinter jeder Wut noch viel größere Trauer steckt und insofern ist die Wut jetzt auch angebracht. Du hast auf jeden Fall meine aufrichtige Anteilnahme und ich habe dich bei vielen Schritten bewundert, wie bravorös du das geleistet hast.

    1. Liebe Katja, das bedeutet mir so viel! Ohne dich und euch Pflegeprofis hätte ich das alles nicht so gut durchgestanden und bewältigt. Vielen, vielen Dank. ❤️ Ich freue mich, dass Du in meinem Leben bleibst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.