Joey Goebel »Irgendwann wird es gut«

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Lesedauer: 3 Minuten

Hardcover, Diogenes Verlag, 320 Seiten
1. März 2019, 22 Euro
ISBN 978-3-257-07059-0

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#Das Zitat

»Die Dinge einordnen hieß, dass Carly nahm, was ihr Sorgen bereitete, und dann ihre Gefühle so umbaute, dass sie doch nicht so gekränkt war, wie sie ursprünglich gedacht hatte. (…) Und sobald dieser Zwischenfall eingeordnet war, konnte er verpackt, verschlossen und beiseitegeräumt werden, womit der restliche Nachmittag und der Abend gerettet waren. (…) Mr. Baynham sagte ihr, die Welt brauche mehr Menschen wie sie: Menschen, die nachdachten, ohne zu reden, statt zu reden, ohne nachzudenken.«

#Der Inhalt

Moberly ist eine Kleinstadt wie viele andere und liegt in Kentucky, USA. Joey Goebel pickt zehn Menschen aller Altersklassen aus dieser Stadt heraus und erzählt feinfühlig ihre Geschichten. Die Protagonisten eint, dass ihnen ihr Anderssein und ihre Einsamkeit durchaus bewusst sind. Sie blicken wehmütig auf die »normalen« Menschen und geben die Suche nach ihrem Platz im Leben nicht auf.

#Die Figuren

Dem Leser begegnet ein Stalker, dem kurz vor dem Ziel seiner Träume – einem Date mit einer Nachrichtensprecherin – die Ernte seiner Bemühungen von einem anderen Besessenen gründlich verhagelt wird. In Moberly gibt es eine seltsame WG von Mutter und Sohn mittleren Alters. Als Sohn Paul endlich eine Verabredung hat, verhindert Mutter Elena ein Happy-End. Wir lernen den Schüler Luke Birkhall kennen, der so sehr hofft, mittels seiner Punkband aus der Kleinstadt herauszukommen. Seine wegen ihrer Klugheit in der Schule unbeliebte Schwester Carly versucht sich indes an der Flucht in James Deans Leben. Sie ist täglich mit einem älteren Herren im Antikmarkt ihrer Mutter zu sehen – was üble Gerüchte nach sich zieht.

Die engagierte Aushilfslehrerin Stephanie hat keine Aussicht auf Festanstellung, aber dafür einen depressiven Ehemann und einen jugendlichen Verehrer aus ihrer Klasse. Ehemann Dan wiederum entwickelt einen regelrechten Hass auf einen Radio-Moderator und bombadiert diesen mit wütenden E-Mails. Dieser Moderator begegnet uns in der letzten Geschichte wieder, in der ein Mann beschlossen hat, »der Welt den Rücken zu kehren«. Erst eine täglich vorbeieilende besondere Frau schafft es, Winston aus seinem Messie-Haus zu locken, indem sie sich eines Tages überraschend und für ihn verstörend verhält.

Dann ist da noch Matt, von Frau und Kind getrennt, der eines Tages wegen Eisglätte im Hotel übernachten muss und verrückte Vorstellungen von Sex im Whirlpool hat. Diese Träume zerplatzen in Form einer berstenden Bierflasche. Matt hat außerdem einen kurzen Auftritt in einer anderen Geschichte: als Lebensretter der depressiven Beth. Und schließlich muss der Lesende sich ernsthaft Gedanken über die Oma machen, die von ihrem riesigen Hund missbraucht wird…

#Die Form

Joey Goebel hat zehn in sich abgeschlossene Geschichten erfunden, die man nicht wirklich Kurzgeschichten nennen mag. Die Frage jedoch, ob es sich denn um einen Roman handele, lässt sich tatsächlich formalen Maßstäben gar nicht so leicht beantworten. Der Autor selbst meint dazu, man könne das Buch vielleicht »einen Roman in Kurzgeschichtenform nennen«, was mir persönlich als Definition gut gefällt. Immerhin ist der Schauplatz aller Geschichten dieselbe Kleinstadt und allesamt ereignen sich innerhalb eines Jahres Mitte der Neunziger. Und außerdem steht »an der Wurzel jeder Geschichte ein Konflikt«, wie Goebel in einem Interview mit dem Shooting-Star der deutschen Buchszene, Benedikt Wells (»Das Ende der Einsamkeit«), begründet.

#Mein Fazit

Das von Goebel erklärte Ziel, dass »jede einzelne Story den Hunger des Lesers stillt, wie eine Mahlzeit«, ist ihm auf sprachlich und erzählerisch herausragende Weise gelungen und übrigens sehr gut aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog übersetzt. Bis ich »Irgendwann wird es gut« gelesen hatte, war ich absolut keine Freundin von Kurzgeschichten; mit dieser Erzählform wurde ich schon während meines Studiums nicht recht warm. Dieser Kurzgeschichtenroman ist eine in meinen Augen geniale Neuerfindung der literarischen Form und absolut lesenswert. Ich bin restlos begeistert.

Claudia Stieglmayr

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