Ich bin dann mal kurz weg

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Lesedauer: 6 Minuten

Ein völlig undramatischer OP-Report

# Geht es überhaupt ohne mich?

Die Notfalltasche ist gepackt, ich soll um acht in der Klinik sein. Ein Routineeingriff, keine große Sache. Aber ich bin Mutter. Und deswegen ist eben doch alles anders. Was ist, wenn… wenn ich nicht mehr aufwache aus der Narkose? Solche Gedanken gehen durch meinen Kopf. Und auch: Wie schön, dass die Kinder nicht mehr ganz klein sind und ich sicher sein kann, dass mein persönlicher MacGyver alles im Griff hat.

# Gut geplant, ist halb operiert.

Links oder rechts? Wo ist das Reh nur hin?

Geplant war, dass ich mich um acht auf der Station melden soll. Geplant war, dass ich um halb sieben in der ersten Dämmerung mit den Hunden in den Wald renne, damit sie eine Stunde Auslauf haben, denn den Rest des Tages wird es für sie bei Bedarf nur den Garten zum Pinkeln geben. Und wie es mir am Tag danach gehen wird, weiß ich ja noch gar nicht.

Aber dann kommt am Abend vor der Operation der Anruf der Stationsleitung: Antreten schon um sieben, ich bin von Startplatz vier auf zwei vorgerückt. Also gibt es hier ebenfalls eine Planänderung, und ich muss im Dunkeln mit Taschenlampe in den Wald, und zwar um halb sechs. Die große Runde fällt leider aus: Die Gefahr, dass sich um diese Zeit in diesem Waldteil Rehwild aufhält und meine Rennteile zum Hetzen animiert, ist mir zu groß für Freilauf.

# »Ich hab euch lieb!«

Als ich den Heimathafen schließlich um kurz nach halb sieben in Richtung Klinik verlasse, sind die Brotdosen für die Kinder gefüllt, die Küche ist aufgeräumt, die Sprösslinge geweckt. Ganz wichtig ist mir auch, dass ich zum Abschied noch allen sage, wie lieb ich sie habe. Man weiß ja nie… Außerdem habe ich schnell noch alle offenen Rechnungen bezahlt, die Wochenarbeitszeit wurde bereits in den Tagen zuvor vorgearbeitet. Am kommenden Montag fällige Texte habe ich schon am Mittwoch um vier Uhr morgens in Richtung Verlag abgeschickt. Falls…

# Und erstens kommt es anders…

»Moin, meine Liebe, es hätte doch alles wie geplant laufen können, Sie sind jetzt nämlich erst Nummer drei, eine große OP bekommt Startplatz eins.« Tut mir für die Hunde leid, ansonsten freue ich mich darauf, die Wartezeit mit einem guten Buch zu verbringen, zum Lesen fehlt mir im Alltag ja oft die Zeit.
Ich bekomme ein OP-Outfit in die Hand gedrückt und ein Bett in einem Dreier-Zimmer zugewiesen. Dort wohnt schon eine Dame, die an diesem Tag ihre Entlassung erwartet, das zweite Bett ist für eine ebenfalls ambulant zu Operierende wie mich gerichtet.

# »Buchen Sie schon mal ein Reiseziel!«

Um kurz vor elf geht es endlich los. Während ich doch sonst ein eher ängstlicher Typ bin, wundert mich kurz, dass es im medizinischen Bereich nicht so ist. Weder beim Zahnarzt noch jetzt hier in der Klinik. Ganz anders war es, als mein Kleiner eine OP hatte, diese Wartezeit und dieses Nichts-Tun-Können für ihn war ganz schlimm für mich.
Nein danke, keine Beruhigungstablette vorher, ich bin nicht ängstlich, freue mich, den Narkosearzt aus dem Vorgespräch anhand seiner zwischen Mundschutz und OP-Haube hindurchblitzenden Augen wiederzuerkennen (obwohl ich keine Brille aufhabe), vertraue.

Der periphere Venenkatheter, besser bekannt als Kanüle (oder Braunüle, was aber eigentlich ein Markenname ist) wird gelegt, ich spüre, wie die Schwester meine Vene durchsticht und das mit »Oh, ich habe gekleckert!« zu überspielen versucht. Grmpf. Der blaue Fleck, der sich am Unterarm bilden wird, wird mindestens eine Woche lang zu sehen sein. Das weiß ich jetzt schon. Und vergessen werde ich auch nicht, dass diese olle Zippe von OP-Püppi meine Ärztin schlechtgemacht hat. Das ist wirklich wenig hilfreich, so zwei Sekunden vor Lichtaus.

# Ab in den Urlaub

Der zweite Anästhesist macht Witzchen und sagt, ich solle mir schon mal einen schönen Urlaubsort vorstellen, zu dem ich dann gleich reisen würde. Die erste Spritze landet in der Braunüle. Also, jetzt müsse ich mich aber für einen Urlaub entschieden haben, sagt er, viel Zeit sei nun nicht mehr vor dem Abflug. Dann setzt er die zweite Spritze. Um meine Nase fühlt es sich kalt an, dann habe ich noch ein seltsam brennendes Gefühl in der Brust, dann nichts mehr…

# Urlaub beendet

Es ist seltsam, ganz woanders aufzuwachen als man eingeschlafen ist, finde ich. Mein Blutdruck ist 110 zu 70, genau wie direkt vor der OP. Die Schwester ruft gerade auf Station an, ich sei schon die ganze Zeit wach und könne dann mal weg.

»Wie spät ist es?«, frage ich. »Das haben Sie mich eben schon gefragt und fragen das bestimmt gleich noch mal: Es ist gleich zwölf«, sagt die Schwester fröhlich.
Ups, anscheinend gibt es so etwas wie Narkosedemenz.

# Zimmer mit Aussicht

Der ganze Spuk hat keine Stunde gedauert. Als ich auf Station geschoben werde, erfahre ich, dass MacGyver auch schon mal kurz da war. Wie süß, es war doch verabredet, dass ich mich melde, wenn ich wieder wach bin. Vermutlich sind sich sogar die Fahrstühle begegnet, denn er kam auf der Station an, als ich gerade auf dem Weg in den OP war. Das ist eine nette Vorstellung.

Dreibettzimmer mit Elbblick

Zurück im Stations-Zimmer werde ich von den anderen Damen so begeistert und mit Applaus empfangen, als hätte ich bei Shopping-Queen gewonnen. Dabei hatte ich mich gar nicht an deren Gesprächen vor dem Eingriff beteiligt, ich wollte ja lesen. Aber nun bin auch ich zum Plaudern aufgelegt.

Wir sind multikulti. Wir kauderwelschen deutsch und französisch und italienisch miteinander. Die gesamte Familie der Patientin direkt neben mir ist da, erfahre ich. Im Zimmer sind aber nur ihre Tochter und deren Freundin. Sie selbst spricht auch nicht, die Mädchen plaudern mit uns und verraten, dass die Mama große Angst vor ihrer OP hat. Die Männer warten im Flur, das gebietet die Höflichkeit bei den Muslimen.

Patientin Nummer eins erfährt, dass sie nun doch noch eine Nacht bleiben muss, ein Blutwert ist nicht gut. Ihr Abholkommando, bestehend aus Sohn und Tochter, muss wieder abziehen.

# Wieder daheim

Ich soll noch ein paar Stunden das Krankenhausbett hüten, darf am späten Nachmittag aber endlich wieder nach Hause. MacGyver holt mich ab und bewacht mich für 24 Stunden. Mindestens eine Woche lang soll ich mich körperlich schonen. Man würde mich normalerweise krankschreiben, aber das hat bei mir ja keinen Sinn – die Arbeit, die liegenbleibt, muss ich dann ohnehin nachholen, was Doppelschichten bedeuten würde. War schon immer so, Vertretungen gibt es nicht, für Urlaube und Krankheiten muss vorgearbeitet werden. Zum Glück ist es keine schwere körperliche Tätigkeit, ich sortiere ja nur Buchstaben von intellektuell leichter Kost, das kann ich auch im Bett liegend tun.

# Die Tage danach

Noch Tage nach der OP wuselt mein Zehnjähriger auffallend häufig um mich herum, möchte immer wieder einen Knuffel und sagt mir, dass er mich liebhat. Er hat sich offensichtlich große Sorgen um mich gemacht, obwohl ich mich bestimmt darum bemüht habe, sachlich und altersgemäß zu informieren und keine Panik zu verbreiten. Ich war selbst auch wirklich nicht ängstlich, die Gelassenheit bezüglich der Operation war also authentisch und nicht gespielt. Aber er hat schon ganz feine Antennen, ich vermute manchmal, dass er hochsensibel ist. Wenn ich dazu den Artikel von meiner Immer-Freundin und Bloggerin Andrea Lammert (Indigo-Blau.de) zum Thema »Hochsensibilität« lese, denke ich: Ach ja, das ist er.

# Wieder fit?

Eine gute Woche bin ich dann doch noch angeschlagen. Ich verpasse auch den Geburtstag einer Freundin, aber die hat mich in diesem Jahr zum Glück auch nicht eingeladen. Vielleicht hatte sie mich schon abgeschrieben, weil ich mich dann doch ein bisschen aus Sorge wegen der OP und natürlich aus Zeitmangel wegen dieser Schulwahlgeschichte zurückgezogen hatte. Man kann es eben nicht allen recht machen, selbst wenn man sich Mühe gibt. Irgendein Schlips liegt immer im Weg rum.

Gutes Essen hält Leib und Seele zusammen

Ich freue mich jedenfalls, dass ich so langsam wieder mit dem Sport beginnen kann, denn ich hatte einfach viel zu viel Zeit zum Essen in der vergangenen Woche. Dafür sind natürlich wiederum wunderbare Rezepte für diesen Blog erkocht worden, zum Beispiel Sauerkraut mit Lachs; alles hat eben immer auch sein Gutes.

Claudia Stieglmayr

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