Kent Haruf »Lied der Weite«

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Lesedauer: 2 Minuten

Hardcover, Diogenes Verlag, 2018
24,- Euro
ISBN 978-3-257-07017-0

»Herrgott, schau uns doch an. Zwei alte Männer, allein. Klapprige alte Junggesellen hier draußen auf dem Land, siebzehn Meilen von der nächsten Stadt, und auch die macht nicht viel her, wenn man hinfährt. Schau uns an. Verschroben und ungebildet. Einsam. An Unabhängigkeit gewöhnt. Mit eingefahrenen Gewohnheiten. Wie willst du das alles in unserem Alter noch ändern?«

Das Ansinnen der Lehrerin Maggie Jones, die schwangere Schülerin Victoria Roubideaux bei ihnen auf der Farm im County Holt, Colorado unterzubringen, bringt Raymond und Harold McPheron völlig durcheinander. Die Brüder leben seit ihrer frühen Jugend allein auf der Farm – ihre Eltern sind bei einem Unfall ums Leben gekommen –, haben nie geheiratet und pflegen auch sonst nur spärlichen Kontakt zur Außenwelt. Und jetzt sollen sie ein 17-jähriges Mädchen aufnehmen, das in wenigen Monaten ein Kind zur Welt bringen wird. Die McPherons sind zwar verschroben, haben jedoch das Herz am rechten Fleck, und Victoria schafft es, sich nach einigen Wirren bei den hölzernen, aber liebenswert linkischen Alten einzugewöhnen.

Nebenher begleiten wir Ike und Bobby, die 9 und 10 Jahre alten Jungs von Lehrer Tom Guthrie. Durch sie erfahren wir, wie schroff, erbarmungslos und hart, aber auch frei und wildromantisch das Erwachsenwerden im County Holt ist.

Kent Haruf erzählt in »Lied der Weite« vom Alltäglichen, von den Sorgen und Nöten der Einwohner von Holt, einer fiktiven Kleinstadt in Colorado, USA. Es sind die kleinen Dinge und Begebenheiten im Leben, die Großes erzählen und in Erinnerung bleiben. Niemand in Holt macht viele Worte, die Einwohner zeichnen sich durch ihre Taten aus. Kent Haruf (verstorben 2014) formt mit seinem großen Talent für Dialoge Charaktere, die durch ihr Sprechen und ihre Sprache unverwechselbar werden. Um dies zu erreichen, bedient Haruf sich einer klaren, schnörkellosen Sprache, die perfekt zur kargen Landschaft des fiktiven County Holt passt.

Ich habe es geliebt, auf verschiedenste Weise Einblick in die unterschiedlichen Lebenssituationen der Bewohner von Holt zu bekommen. Vieles ist vorhersehbar, und trotzdem bleibt den gesamten Roman über eine Spannung erhalten, ich war immer neugierig darauf, wie es mit den einzelnen Figuren weitergeht, was sie erleben und wie sie mit ihren Erfahrungen umgehen. Es ist wirklich sehr schade, dass Kent Haruf nicht mehr lebt, ich hätte gern noch mehr über die Kleinstadt Holt und ihre Bewohner erfahren.

»Lied der Weite« von Kent Haruf wurde in den USA bereits 1999 unter dem Titel »Plainsong« veröffentlicht. Die deutsche Erstausgabe erschien 2001 als »Flüchtiges Glück« bei btb. Die besprochene Ausgabe ist am 1. Januar 2018 im Hardcover bei Diogenes erschienen, hat 384 Seiten und wurde übersetzt von Rudolf Hermstein. 2004 kam die Romanverfilmung unter dem Originaltitel in die Kinos, Hauptdarsteller waren Rachel Griffith und Aidan Quinn.

Claudia Stieglmayr

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