Kent Haruf »Abendrot«

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Lesedauer: 2 Minuten

Hardcover, Diogenes Verlag, 2019
24,- Euro
ISBN 978-3-257-07045-3

»(…) und dann würde plötzlich Wind aufkommen und über das offene Gelände brausen, ohne auf Widerstand zu stoßen, über die weite Flur mit dem Wintergetreide und die uralten Weideflächen der Gegend und die Schotterstraßen und hellen Staub mit sich tragen, während die Dunkelheit hereinbrach und sich ringsum die Nacht verdichtete.«

In der trostlosen amerikanischen Kleinstadt Holt leben einfache Leute, die das harte Leben in der kargen Ödnis Colorados in stiller Bescheidenheit zu meistern versuchen. Man hält zusammen, hilft einander, ohne große Worte zu machen –, und manch einer erleidet eine persönliche Katastrophe, aus der er gestärkt hervorgeht.

Der alte Viehzüchter Raymond verliert seinen Bruder Harold bei einer Bullen-Attacke und gewinnt in der Sozialarbeiterin Rose Tyler die allererste zarte Liebe seines Lebens. Mary Wells stürzt in eine bodenlose Depression, nachdem ihr Mann sie verlassen hat. Sie erwacht erst aus der Lethargie, als sie einen Autounfall verursacht, bei dem ihre beiden Mädchen, Dena und Emma, schwer verletzt werden. Der erst elfjährige DJ Kephart kümmert sich um seinen Großvater Walter und fühlt sich auch für andere verlorene Seelen verantwortlich. Nur Betty June und Luther Wallace schaffen es einfach nicht, ihren heruntergekommenen Trailer, geschweige denn ihr Leben in Ordnung zu bringen oder auch nur für ihre Kinder Richie und Joy Rae zu sorgen. Betty Junes brutaler Onkel Hoyt misshandelt die Kleinen mehrfach, bevor das Sozialamt sie endgültig retten kann.

In »Abendrot« begegnet der Leser auch Tom Guthrie und Maggie Jones, sowie Victoria Roubideaux aus »Lied der Weite« (erschienen 2018 bei Diogenes) wieder, wobei die Kenntnis dieses Romans gar nicht vonnöten ist, um »Abendrot« zu verstehen.

Es sind nicht die spektakulären Momente, es sind die alltäglichen Schicksalsschläge, die Haruf beschreibt, die jeder von uns kennt und so oder so ähnlich selbst erlebt hat. Deshalb wachsen uns die Figuren dieses Romans so sehr ans Herz, selbst der brutale Hoyt, der unschuldige Kinder misshandelt, lässt hin und wieder gute Seiten sehen.

»Abendrot« ist eine fein gezeichnete Sozialstudie – in kleine, episodenhafte Geschichten verpackt und durch szenische Einblicke in das Leben der Einwohner von Holt meisterhaft und überzeugend dargestellt. Haruf beherrscht die Kunst des Dialogs, das können wahrlich nicht viele Autoren. Der Roman lebt also von klug gestalteten Unterhaltungen, die viel mehr ausdrücken, als umständliche Beschreibungen es je könnten.

In vielen Momenten fühlte ich mich durch die so erzeugte Stimmung an den Film »Die Brücken am Fluss« mit Meryl Streep und Clint Eastwood (1995) erinnert, der ebenfalls zu den, wie ich sie nenne, leisen Filmen zählt. Dies hier ist ein wirklich sehr leiser, sehr feiner Roman, der mich durch seine Schlichtheit und sprachlich schnörkellose Schönheit sehr berührt hat.

»Abendrot« von Kent Haruf wurde in den USA bereits 2004 veröffentlicht, ist soeben (am 23. Januar 2019) im Hardcover bei Diogenes erschienen, hat 416 Seiten und wurde übersetzt von pociao.

Claudia Stieglmayr


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