Paulo Coelho »Untreue«

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Lesedauer: 2 Minuten

Taschenbuch, Diogenes Verlag, 8. Auflage 2016
12,- Euro
ISBN 978-3-257-24348-2

»Bis zum Frühling dieses Jahres war ich ein normaler Mensch. Eines Tages entdeckte ich, dass alles, was ich hatte, von einer Stunde auf die andere verschwinden könnte, und anstatt darauf normal, wie ein intelligenter Mensch zu reagieren, geriet ich in Panik. Das führte zu Trägheit. Zu Apathie. Zur Unfähigkeit, zu reagieren und etwas zu ändern, mich zu verändern.«

So beschreibt Linda – Anfang 30, erfolgreiche Journalistin in Genf, mit zwei kleinen Kindern und einem wunderbaren Ehemann gesegnet – den Gemütszustand, in den sie geraten ist. Ein Ausbrechen aus der Umklammerung des Alltags, des Alltäglichen scheint nur möglich, indem sie sich in eine animalische Affäre mit einem, mittlerweile als Politiker erfolgreichen, Schulfreund stürzt und kurzzeitig Leidenschaft mit Liebe verwechselt. Parallel dazu versucht sie die journalistische Herangehensweise der Erkenntnisgewinnung, indem sie Artikel über Depressionen und deren, zum Teil skurrile, Behandlungsmöglichkeiten recherchiert und schreibt.

Die Furcht davor, dass auch noch ihre Ehe gescheitert sein könnte, treibt Linda und ihren Mann zurück zu dem Ort, an dem sie einst zueinander gefunden haben. Doch die Hoffnung, die Lösung dort zu finden, erfüllt sich nicht. Nun ist auch noch der Mann deprimiert. Genau das ist der Moment, in dem beide sich in alle Richtungen umschauen und offen sind für ganz frische Überlegungen.

Ein kathartischer Gleitschirmflug, überraschend und wagemutig gebucht, wird unverhofft zum Rettungsschirm für Linda. Dieser Flug bedeutet zunächst eine große Überwindung für Linda, sie hat Angst, alles Vertraute hinter sich zu lassen und buchstäblich den Boden unter den Füßen zu verlieren und dann abzustürzen.

Aber das Gegenteil geschieht. Völlig überraschend breitet sich die Lösung zu ihrem Problem tausende Meter über der Erde in ihr aus. Indem sie nämlich bereit ist, alles loszulassen, notfalls auch ihr Leben, öffnet sich quasi ihr Geist, und sie spürt die Ewigkeit und schier unbeschreibliches Glück: »Während ich mich in der Luft befand, begriff ich, dass von allem das Mächtigste meine Liebe zum Leben, zum Universum war.«

Das ist die Botschaft, die Paulo Coelho hier auf seine unnachahmliche Weise übermittelt: Es lohnt sich immer, nach neuen Wegen zu suchen, sie zu finden und schließlich auch zu beschreiten, Fehler zu machen, sich auf Neues einzulassen und die Furcht, der Alltag und die Liebe als Anker darin könnte verloren gehen, einfach loszulassen, um dann geistig erfrischt und voller Liebe liebevoll zurückzukehren.

Ich mochte den Roman wegen seiner klaren Sprache, hervorragend aus dem Brasilianischen übersetzt von Maralde Meyer-Minnemann. Man kann »Untreue« einfach wegnaschen, wenn man möchte, und hat dann eine kurzweilige Ehe-Geschichte mit vielen Details über das Leben in der Schweiz genossen. Aber man kann den Roman auch langsam genießen, die zweite, die psychologische und philosophische Ebene finden und annehmen und sich zum Nachdenken und Gedankenreisen anregen lassen. Diese beiden Möglichkeiten sind es, die Paulo Coelhos Romane immer wieder zu Welterfolgen werden lassen: Es ist für jeden etwas dabei.

Claudia Stieglmayr

2 comments / Add your comment below

  1. Den hast du ja nun wohl wirklich vernascht. Unglaublich, wie schnell du lesen und darüber schreiben kannst. Und danke fürs Erinnern, nun weiß ich auch wieder, was ich einst gelesen habe. Ich mochte das Buch irgendwie, fand es aber nicht so klar in der Aussage, wie die vorigen. Liebe Grüße

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